Was sind Ambivalenzen?

Ganz grob: mehrere gleichzeitig vorhandene widersprüchliche Gefühle und Handlungsimpulse, die nicht zusammenpassen oder einen in eine "Zwickmühle" bringen (können), weil sie zumindest in Teilaspekten miteinander unvereinbar sind (Gefühls-Dilemma, Zwiespalt).

Beispiele:

  • Ein Beziehungspartner oder die Eltern werden gleichzeitig gehasst und geliebt.
  • eine Liebes-Affäre tut weh
  • Man möchte mit seinem Partner kuscheln, gleichzeitig hat man jedoch Angst vor der dazu notwendigen Nähe. Während man ihn umarmt und ihn mag, tut es gleichzeitig weh und man möchte am liebsten weglaufen. Dieses Weglauf-Gefühl kann manchmal nur halb-unbewusst gespürt werden, manchmal wird es sogar überhaupt nicht wahrgenommen, sondern nur seine Auswirkungen auf andere Stellen gespürt.

Häufig sind einige dieser Gefühle nicht bewusst, wirken sich aber in einer bestimmten Situation trotzdem aus.

Ambivalenzen als solche sind ganz normal. Sie treten bei jedem Menschen auf, und zwar sehr viel häufiger als man gemeinhin glaubt. Das Auftreten von Ambivalenzen ist also keine Ausnahmeerscheinung. Allerdings können starke und dauerhafte Ambivalenzen zu schlimmen inneren Leiden führen. Bei Überlebenden können diese besonders schmerzhaft sein.

Wie sie sich auswirken und wie man mit ihnen umgehen kann

Der Begriff "Ambivalenz" sagt wahrscheinlich nur wenigen Überlebenden von physischem oder sexuellem Missbrauch etwas. Er wird in der Fachliteratur meist nur am Rande erwähnt, aber nicht genau erklärt. Dabei geht es jedoch um einen der einflussreichsten Grundmechanismen, die einem das Leben schwer machen können. Eine Beschäftigung ist sehr lohnend, weil man dann leichter lebt und mit weniger Schwierigkeiten kämpfen muss.

Grund-Ambivalenzen bei Überlebenden

Kennzeichen von Grund-Ambivalenzen sind, dass es dabei um lebenswichtige (existentielle) Grundgefühle geht.

  1. Ambivalenzen durch Missbrauch von Sexualität
  2. schmerzhafte Doppelbindung
  3. Produktiver Umgang mit Ambivalenzen

Nirgendwo sonst kann man einen Menschen so zutiefst verletzen wie auf dem Gebiet der Sexualität!

Produktiver Umgang mit Ambivalenzen

Wichtigste Grundregel: beide Seiten einer Ambivalenz haben immer irgendeine Berechtigung (gehabt)!

Wer diese goldene Regel beherzigt, der behandelt auch die schier unglaublichsten Ambivalenz-Seiten (z.B. Täter-Identifikationen) mit Respekt und Wertschätzung.

Wichtig: nicht alle Ambivalenzen müssen (vollständig) aufgelöst werden.  Kennzeichen reifer Persönlichkeiten ist, dass sie gewisse Ambivalenzen auch stehen lassen und aushalten können - vor allem solche, die sich prinzipiell nicht ändern lassen (beispielsweise manche Ambivalenzen gegenüber einem Missbrauchs-Täter). Schere innere Zerrissenheit und Leiden sind jedoch auf Dauer nicht gesund - eine Entscheidung zwischen (teilweiser) Auflösung und Nicht-Auflösung (wo es sich lohnt, wo es sich nicht lohnt) ist daher nicht immer einfach.

Das Auflösen von hartnäckigen Ambivalenzen erfordert viel Geduld und kann u.U. sehr lange (ohne therapeutische Unterstützung auch Jahre) dauern und kann nur gelingen, wenn man versucht, allen Seiten Rechung zu tragen. Mit Gewalt funktioniert es nicht, denn eine "ungeliebte" Seite lässt sich nicht überlisten, sie schwelt dann nur im Untergrund weiter und wirkt fort, ohne es zu merken.

Daher ist es unbedingt erforderlich, die Wahrnehmung von verdrängten oder dissoziierten Persönlichkeitsanteilen zu stärken.

Deshalb: das Erkennen von Ambivalenzen hat starke Verwandtschaft mit dem Erkennen von Amnesien und anderen Dissoziationen und benötigt einen integrativen, möglichst Ressourcen-orientierten Ansatz.

Literatur